Trauma mit Hilfe von Smartphones und Smart-Watches therapieren

CITEC-Forschende arbeiten in Fortschrittskolleg zu Flüchtlingen und Gesundheitsversorgung mit

Der CITEC-Forscher Professor Dr. Stefan Kopp und seine Forschungsgruppe „Kognitive Systeme und soziale Interaktion“ beteiligen sich an dem im Juli gestarteten Fortschrittskolleg an der Universität Bielefeld. In ihrem Projekt wollen Kopp und sein Team untersuchen, wie Therapeuten Sensor-Technik einsetzen können, um psychische Erkrankungen von jungen Flüchtlingen zu erfassen und zu behandeln. 

Mit welcher Technik können Therapeuten traumatisierten Flüchtlingen helfen? Das untersucht Prof. Dr. Stefan Kopp in einem Projekt in dem neuen Fortschrittskolleg der Universität Bielefeld. Foto: CITEC/Universität BielefeldDas Fortschrittskolleg unter der Leitung der Gesundheitswissenschaften heißt „Herausforderungen und Chancen globaler Flüchtlingsmigration für die Gesundheitsversorgung in Deutschland“. Es vereint Natur- und Sozialwissenschaften. In dem neuen Fortschrittskolleg erheben die Forschenden die Gesundheitszustände und Risikofaktoren von Flüchtlingen.  

Stefan Kopps Forschungsgruppe befasst sich mit dem Einsatz von Diagnose- und Behandlungstechnik für jugendliche Flüchtlinge, die an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS)  leiden. Mobile Technik kann zum Beispiel genutzt werden, um im Alltag fortwährend den Puls, die Atmung oder auch Herzrhythmus und -frequenz zu messen.  „In unserem Projekt untersuchen wir zunächst, welche verfügbaren Sensor-Technologien überhaupt in Frage kommen, um Daten im Alltag der Patienten zu erfassen“, sagt Stefan Kopp. Dazu sollen Ansätze für die Diagnose entwickelt werden. „Wir prüfen beispielsweise, ob sich Smart-Watches für Schlafbeobachtung eignen“, erklärt der Informatiker. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler programmieren eine automatisierte Auswertung der Daten, die mit der Technik vom Patienten erhoben werden. Damit Therapeuten mit den Daten arbeiten können, entwickeln die Forschenden ein eigenes Diagnosesystem. Es soll die Informationen nicht nur präsentieren, sondern dazu auch mit dem Therapeuten kommunizieren können. Das System könnte als virtuelle Figur auf einem Tablet erscheinen und sich so mit der jeweiligen Person austauschen.

 „Wir befassen uns auch damit, wie Therapeuten technische Systeme einsetzen können, um ihren Patienten zu behandeln“, sagt Stefan Kopp. So könnte in den Therapiesitzungen Eyetracking-Technik verwendet werden, um das Blickverhalten der Patienten zu ermitteln. „Der Therapeut erfährt dann, wie die Patienten körpersprachlich auf seine Interventionen reagieren.“ Als Behandlungsansätze sind laut Kopp zum Beispiel elektronische Tagebücher denkbar, außerdem „Serious Games“ – das sind Computerspiele, die eine Lernabsicht verfolgen. „In diesem Fall könnte der Lerneffekt darin bestehen, eigene biographischer Erfahrungen aufzuarbeiten“, sagt der Informatiker und Kognitionswissenschaftler. Erprobt wird auch, wie virtuelle Realität in der Therapie eingesetzt werden kann. 

„Flüchtlinge aus Krisengebieten sind eine sensible Zielgruppe. Das ist uns sehr bewusst. Gerade deswegen müssen wir feinfühlig prüfen, welche Technik hilfreich ist, um sie in der Therapie zu begleiten.“ Ein Vorteil von Technik liegt laut Kopp darin, dass sie für viele Menschen im Alltag ohnehin allgegenwärtig ist und sie deswegen als unaufdringlich und normal erlebt werde. Hinzu kommt, dass moderne Technik wie Smart-Watches oftmals auch einen spielerischen Charakter habe, wodurch die Menschen zur Nutzung motiviert werden.  

Am Exzellenzcluster CITEC analysieren Professor Dr. Stefan Kopp und seine Forschungsgruppe „Kognitive Systeme und soziale Interaktion“, wie technische Systeme zu sozial intelligenten Kooperationspartnern werden können. Dazu untersuchen sie Mechanismen menschlicher Kommunikation und bilden sie in virtuellen Figuren (Avataren) nach. Kopps Projekt im Fortschrittskolleg trägt den Titel „Einsatz technischer Unterstützungssysteme zur Diagnose und therapeutischen Intervention von posttraumatischen Erkrankungen“.

Das Land Nordrhein-Westfalen fördert das neue Fortschrittskolleg seit Juli 2016 mit 2,72 Million Euro über die kommenden viereinhalb Jahre. Darin betrachten Forschende das Thema Gesundheitsversorgung aus verschiedenen Perspektiven: Auf welche Barrieren treffen Flüchtlinge, wenn sie Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch nehmen möchten? Wie wirkt sich die Flüchtlingsmigration auf das Finanzierungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung aus? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden Empfehlungen für bessere Strategien entwickeln, wie die Gesellschaft Flüchtlinge und Asylbewerber integrieren und soziale sowie gesundheitliche Ungleichheit überwinden kann.

Das Fortschrittskolleg ist eines von sechs neu geförderten Kollegs in Nordrhein-Westfalen. Insgesamt gingen in dieser Ausschreibungsrunde 28 Anträge ein. Damit ist die Universität Bielefeld im zweiten Vergabeverfahren bereits zum zweiten Mal erfolgreich. Für ein weiteres Fortschrittskolleg kooperiert die Universität Bielefeld seit 2014 mit der Universität Paderborn. Gemeinsam erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dort, wie sich Industrie 4.0 – also die immer weitere Digitalisierung der Arbeitsprozesse – auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auswirkt.  

Weitere Informationen im Internet: 
Forschungsgruppe „Kognitive Systeme und soziale Interaktion“: www.techfak.uni-bielefeld.de/ags/soa
„Neues Fortschrittskolleg an der Universität Bielefeld“ (Pressemitteilung vom 30.03.2016): http://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/neues_fortschrittskolleg_an_der_universit%C3%A4t1

Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Kopp, Universität Bielefeld 
Technische Fakultät 
Telefon: 0521 106-12144 
E-Mail: skopp@techfak.uni-bielefeld.de