Genderforschung

Die CITEC-Arbeitsgruppe „Angewandte Sozialpsychologie und Geschlechterforschung“ unter der Leitung von Prof. Dr. Friederike Eyssel wurde 2009 gegründet. Zum Einen setzt die Arbeitsgruppe den Schwerpunkt auf klassische Themen der sozialpsychologischen Geschlechterforschung:  Beispielsweise werden die Auswirkungen der Bedrohung der sozialen Identität als Mann oder Frau auf Einstellungen und Verhalten untersucht. Darüber hinaus analysiert das Team um Prof. Dr. Eyssel, wie Geschlechterstereotype die Sprachwahrnehmung beeinflussen und untersucht Ursachen für sexuelle Belästigung. Am CITEC ist ein zentraler Forschungsschwerpunkt der Arbeitsgruppe jedoch auch die Exploration der Rolle von Gender als sozialem Konstrukt für die Entwicklung und Nutzung intuitiv bedienbarer Roboter und anderer technischer Systeme. Das Team um Professorin Eyssel erforscht zudem die soziale Wahrnehmung von Menschen und Maschinen in den Forschungsarbeiten zu psychologischer Anthropomophisierung. Damit eng inhaltlich verbunden ist die Forschungslinie zu Objectification, die der Frage nachgeht, warum Menschen dazu neigen, andere Personen wie Dinge wahrzunehmen und zu behandeln.

Die Zuschreibung von Geschlechterstereotypen
Frauen und Männer unterliegen dem Einfluss von Geschlechterstereotypen. Geschlechterstereotype sind so wirkmächtig, dass sie sogar beeinflussen, wie Menschen Roboter wahrnehmen. Die Forschungsgruppe konnte zeigen, dass Robotern eine optisch erzeugte Geschlechtsrolle zugewiesen wird, die wiederum die Erwartungen der Nutzer an einen Roboter beeinflusst. Die Gestalt impliziert somit eine „Bedienungsanleitung“ für den Roboter. Doch Erwartungen an Geschlechterrollen müssen nicht zwangsläufig befriedigt werden. So könnten Roboter, die stereotyp weiblich erscheinen, verstärkt für Unterweisungen in technischen Berufsfeldern eingesetzt und „männliche“ Roboter bevorzugt für Tätigkeiten eingesetzt werden, die primär mit der weiblichen Geschlechterrolle assoziiert sind, wie etwa Arbeiten im Haushalt. Auf diese Art könnten stereotype Erwartungen gebrochen werden. Einen Versuch sich von geschlechterstereotypen Erwartungen zu lösen unternahm die Arbeitsgruppe, indem sie geschlechterstereotyp männliche Lernaufgaben von einem weiblichen, und stereotyp weibliche Aufgaben von einem männlichen Roboter erklären ließ. Es stellte sich heraus, dass eine Nichtpassung zwischen Robotergeschlecht und Aufgabentypikalität zu höherer Kontaktbereitschaft für zukünftige Lerninteraktionen führte. Mit diesem Wissen kann zum einen die Einführung von Robotern in den Alltag erleichtert werden, zum anderen können auch Geschlechterstereotype gezielt angegangen werden.

Geschlechterstereotype, Blickbewegung und Sprachverarbeitung
An der Schnittstelle zwischen Genderforschung, Psycholinguistik und sozialer Robotik untersucht die Forschungsgruppe mittels Blickbewegungsmessung im Rahmen des Visual-World-Paradigmas (Cooper, 1974), wie Geschlechterstereotype die Sprachverarbeitung beeinflussen. Darüber hinaus erforscht die Arbeitsgruppe mittels des Visual-World-Paradigmas, inwiefern “ge-genderte” Roboter mit geschlechterstereotypen Tätigkeiten und Berufen assoziiert werden und ob die gleichen Genderstereotype gegenüber Robotern aktiviert werden wie gegenüber Menschen.

Sexuelle Objektifizierung und Bedrohung
Sexuelle Objektifizierung wird verstanden als der Akt, eine Person auf ihren Körper zu reduzieren und/oder sie als sexuelle Ressource zu instrumentalisieren (vgl. Bartky, 1990). Mit ihrer Forschung zu sexueller Objektifizierung untersucht die Arbeitsgruppe Ursachen für sexuelle Objektifizierung. Es konnte gezeigt werden, dass sexuelle Objektifizierung Funktionen auf individueller, interpersoneller und gesellschaftlicher Ebene erfüllt. Beispielsweise zeigt sich in Experimenten, dass viele Männer, deren Männlichkeit bedroht wurde, Frauen stärker sexuell objektifizieren, damit sie sich daraufhin wieder männlicher fühlen. Ob auch Frauen, deren Weiblichkeit bedroht wurde, ihre Mitmenschen stärker sexuell objektifizieren, wird von der Arbeitsgruppe aktuell untersucht.

Sexuelle Belästigung und Sexismus
In ihrer Forschung zu sexueller Belästigung und Sexismus versucht die Arbeitsgruppe, sowohl das Verhalten der Täter als auch das Verhalten der Betroffenen zu erklären. Dabei spielen vor allem Eigenschaften auf Personenebene (z. B. frauenfeindliche Einstellungen, gelernte Stereotype, Akzeptanz von Mythen über sexuelle Belästigung) und Situationsvariablen (z. B. interpersonelle Machtverhältnisse) eine Rolle. Im Hinblick auf die Täterperspektive konzentriert sich die Forschung der Arbeitsgruppe auf die Motive, die sexuell belästigendem und sexistischem Verhalten zugrunde liegen. Bezogen auf die Perspektive der Betroffenen interessiert besonders, unter welchen Bedingungen diese aktiv reagieren und selbstschützend handeln können. Zudem untersuchen sie unter welchen Bedingungen Beschwerden über Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Außenstehenden als glaubwürdig eingeschätzt werden und Aussicht auf Erfolg haben.

Kontakt

Prof. Dr. Friederike Eyssel

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